London Underground erneuert eine ihrer bekanntesten Linien – und ein Fahrzeug der neuen Generation ist derzeit auf der InnoTrans in Berlin zu sehen. Siemens Mobility präsentiert den neuen „Inspiro London“ für die Piccadilly Line auf dem Freigelände. Die Züge bringen nicht nur ein völlig neues Fahrzeugkonzept in die engen Tunnel der Londoner „Tube“, sondern erstmals auch eine Klimaanlage in einen Zug des sogenannten Deep-Tube-Netzes.
Zwischen Hochgeschwindigkeitszügen, Lokomotiven und Regionalfahrzeugen wartet auf dem Freigelände der InnoTrans 2026 auch ein Stück London: Siemens Mobility zeigt einen der neuen U-Bahn-Züge für diePiccadilly Line.
Das Fahrzeug fällt schon äußerlich auf. Die typische Gestaltung von London Underground mit roten, weißen und blauen Elementen bleibt erhalten, technisch hat die neue Generation mit den fast 50 Jahre alten Vorgängern allerdings nur noch wenig gemeinsam.
Siemens führt die Fahrzeuge unter dem NamenInspiro London. Insgesamt hat London Underground94 neue Zügebestellt. Sie sollen die derzeit 86 Fahrzeuge der Piccadilly Line ersetzen, die seit 1975 im Einsatz sind. Siemens präsentiert den Inspiro London offiziell als eines seiner Schienenfahrzeuge auf der InnoTrans 2026.
Neun Wagen und fast 114 Meter Länge
Die Dimensionen sind angesichts der teilweise sehr engen Londoner Tunnel bemerkenswert. Jeder neue Zug besteht ausneun Wagenund ist113,7 Meter lang. Mit 2,648 Metern Breite und lediglich 2,844 Metern Höhe wurde das Fahrzeug speziell für das begrenzte Lichtraumprofil der tief liegenden Londoner U-Bahn-Strecken entwickelt.
Die Einstiegshöhe liegt bei 700 Millimetern. Insgesamt befinden sich 18 doppelte Fahrgasttüren am Zug, die jeweils 1,69 Meter breit sind. Die maximale Leistung gibt Siemens mit2.500 kW, die Höchstgeschwindigkeit mit100 km/han.
Nach dem technischen Datenblatt von Siemens können bei einer zugrunde gelegten Belegung von fünf Personen pro Quadratmeter bis zu 1.076 Fahrgäste mitfahren. Für den regulären Betrieb kommuniziert Transport for London vor allem den Vergleich zur bisherigen Flotte: Die neuen Züge bieten rundzehn Prozent mehr Kapazität.
Zum ersten Mal Klimaanlage in einem Deep-Tube-Zug
Für Londoner Fahrgäste dürfte eine andere Neuerung allerdings wesentlich spürbarer sein:Die neuen Piccadilly-Line-Züge erhalten eine Klimaanlage.
Das klingt für eine moderne Metro zunächst wenig spektakulär, ist bei der London Underground aber technisch eine echte Besonderheit. Die Piccadilly Line gehört zu den sogenanntenDeep-Tube-Linien, deren vergleichsweise kleine Tunnel tief unter der Stadt verlaufen. Der verfügbare Platz im Fahrzeug und rund um die Züge ist entsprechend begrenzt.
Die neuen Inspiro-Züge werden dieersten klimatisierten Fahrzeuge im Deep-Tube-Netzsein. Die Klimageräte wurden dafür unterhalb des Fahrzeugs angeordnet.
Das Thema ist in London nicht unwichtig: Gerade im Sommer können die Temperaturen in den tiefen Tunneln und Stationen unangenehm hoch werden.
Durchgängig durch den gesamten Zug
Auch beim Innenraum verabschiedet sich London Underground deutlich vom Konzept der bisherigen Fahrzeuge.
Die neun Wagen sinddurchgängig begehbar. Fahrgäste können sich damit innerhalb des Zuges verteilen, ohne zwischen einzelnen Wagen getrennt zu sein. Breitere Doppeltüren sollen gleichzeitig den Fahrgastwechsel beschleunigen.
Hinzu kommen digitale Informationsbildschirme, Videoüberwachung und verbesserte Möglichkeiten für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste. Die neue Generation verfügt außerdem über eigens vorgesehene Rollstuhlplätze.
Gerade der komplett offene Innenraum dürfte für viele London-Besucher eine der auffälligsten Veränderungen darstellen. Die bisherigen Züge stammen konzeptionell noch aus einer Zeit, in der einzelne Wagen wesentlich stärker voneinander getrennt waren.
20 Prozent weniger Energie
Trotz Klimatisierung sollen die neuen Züge deutlich sparsamer unterwegs sein.
Siemens nennt gegenüber der bisherigen Flotte eineReduzierung des Energieverbrauchs um rund 20 Prozent. Dazu tragen unter anderem ein geringeres Fahrzeuggewicht, regenerative Bremsen, Permanentmagnetmotoren, LED-Beleuchtung und ein modernes Energiemanagement bei. Beim Bremsen kann ein Teil der Energie zurückgewonnen werden.
Interessant ist das gerade im Londoner Tunnelnetz: Weniger Energieverbrauch bedeutet gleichzeitig, dass weniger zusätzliche Wärme in die ohnehin warmen Tunnel abgegeben wird.
Das Gelenkkonzept der neuen Fahrzeuge reduziert außerdem die Zahl der benötigten Drehgestelle. Siemens verspricht sich davon neben dem geringeren Gewicht auch einen ruhigeren Lauf und weniger Beanspruchung der Gleise.
Mehr Züge auf der Piccadilly Line
Der Austausch der Fahrzeuge ist Teil eines wesentlich größeren Modernisierungsprogramms.
Sobald alle94 neuen Zügezur Verfügung stehen, soll die Piccadilly Line in der Hauptverkehrszeit dichter befahren werden können. Statt aktuell 24 sollen dann27 Züge pro Stundedurch das Zentrum Londons fahren.
Das entspricht in den Spitzenzeiten einem Zug ungefähr alle135 Sekunden. Zusammen mit den größeren Fahrzeugen erwartet Transport for London dadurch eine Steigerung der Beförderungskapazität in der Hauptverkehrszeit um bis zu23 Prozent.
Die Piccadilly Line gehört zu den wichtigsten Linien der London Underground. Sie verbindet unter anderem den Flughafen Heathrow mit westlichen und zentralen Teilen Londons sowie wichtigen Stationen wie Piccadilly Circus, Leicester Square und King’s Cross St Pancras.
Einführung später als ursprünglich geplant
Bis Fahrgäste die neuen Züge im normalen Londoner Alltag erleben können, dauert es allerdings noch etwas.
Der erste neue Zug erreichte London bereits im Oktober 2024. Seitdem läuft ein umfangreiches Test- und Zulassungsprogramm auf der bestehenden Infrastruktur. Die Integration neuer Fahrzeuge in ein teilweise mehr als hundert Jahre altes U-Bahn-System gilt als besonders anspruchsvoll.
Nach dem aktuellen Stand von Transport for London sollen die ersten Fahrzeugezwischen Dezember 2026 und Juni 2027in den Fahrgastbetrieb gehen. Die Einführung erfolgt anschließend schrittweise.
Damit wurden frühere Zeitpläne nach hinten verschoben. Entscheidend ist dabei unter anderem das Zusammenspiel der neuen Fahrzeuge mit der vorhandenen Signal-, Stromversorgungs- und Stationsinfrastruktur.
Gebaut in Wien und Großbritannien
Die Londoner Züge haben auch eine interessante europäische Produktionsgeschichte.
Ein Teil der ersten Fahrzeuge entstand im Siemens-Werk in Wien. Der Großteil der Flotte wird inzwischen jedoch im neuen Siemens-Werk im britischenGoole in East Yorkshiremontiert. TfL zufolge investierte Siemens rund 200 Millionen Pfund in den dortigen Standort.
Damit sind die Fahrzeuge nicht nur für London Underground ein bedeutendes Projekt. Sie gehören auch zu den wichtigsten aktuellen Metroaufträgen von Siemens Mobility.
Londoner U-Bahn zum Anfassen
Auf der InnoTrans lässt sich nun bereits erleben, wie sich die nächste Generation der „Tube“ anfühlt.
Zwischen all den Fahrzeugpremieren auf dem Berliner Gleisgelände ist der Inspiro London dabei ein besonders ungewöhnliches Exponat. Schließlich werden Fahrzeuge für das kleine Londoner Deep-Tube-Profil normalerweise nicht gerade häufig außerhalb Großbritanniens präsentiert.
Noch fährt die bekannte Piccadilly Line mit ihren Zügen aus den 1970er-Jahren. Doch der Generationswechsel rückt näher.
Und bevor die neuen roten, weißen und blauen Züge künftig täglich durch die Tunnel unter London fahren, macht einer von ihnen einen Zwischenstopp in Berlin.





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