Während in den Hallen der InnoTrans fertige Züge, Fahrzeuge und Technologien präsentiert werden, wird an anderer Stelle noch programmiert, getestet und verworfen. Mit „AI on Track“ veranstaltet die InnoTrans 2026 erstmals einen internationalen KI-Hackathon. Mehr als 50 Programmierende aus aller Welt arbeiten seit Mittwoch an konkreten Herausforderungen der Bahnbranche. Am heutigen Freitag werden die besten Lösungen ausgezeichnet.
Eine Idee entwickeln, Daten analysieren, Software programmieren und innerhalb weniger Tage eine funktionierende Lösung präsentieren: Genau darum geht es beim ersten Hackathon in der Geschichte der InnoTrans.
Unter dem Motto „AI on Track“ treffen vom 23. bis 25. September Entwickler, Start-ups, Branchenexperten und große Bahnunternehmen aufeinander. Anders als an den klassischen Messeständen steht dabei nicht das bereits fertige Produkt im Mittelpunkt.
Die Innovation soll direkt vor Ort entstehen.
Nach Angaben der InnoTrans arbeiten die Teilnehmer an realen Herausforderungen aus der Mobilitätsbranche. Im Mittelpunkt stehen Anwendungen von Künstlicher Intelligenz und datengetriebene Lösungen, die den Verkehr effizienter und zuverlässiger machen sollen. Die Themen reichen vom Betrieb und der Infrastruktur bis zur Passenger Experience.
Was ist eigentlich ein Hackathon?
Der Begriff setzt sich aus „Hacking“ und „Marathon“ zusammen – wobei es hier ausdrücklich nicht um das Eindringen in Computersysteme geht.
Bei einem Hackathon kommen Programmierer, Entwickler, Designer und Fachleute für einen begrenzten Zeitraum zusammen. In Teams versuchen sie, für eine konkrete Aufgabe möglichst schnell eine neue technische Lösung zu entwickeln.
Aus einer Idee wird innerhalb weniger Stunden ein Konzept. Daraus entsteht anschließend beispielsweise eine Software, ein Algorithmus, ein Prototyp oder zumindest ein funktionierender Lösungsansatz.
Was in einem normalen Entwicklungsprojekt Wochen oder Monate dauern könnte, wird beim Hackathon bewusst auf wenige Tage komprimiert.
Genau dieses Prinzip überträgt die InnoTrans nun erstmals auf die Bahnbranche.
Drei große Bahnunternehmen stellen die Aufgaben
Mit Alstom, Siemens Mobility und Wabtec konnte die Messe drei große Unternehmen als Hauptsponsoren gewinnen.
Dabei stellen die Unternehmen nicht nur Geld und Fachwissen zur Verfügung. Sie bringen auch praktische Problemstellungen aus der Bahnbranche in den Wettbewerb ein und unterstützen die Teams unter anderem mit Daten, Werkzeugen und technischer Expertise.
Dadurch sollen keine rein theoretischen KI-Demonstrationen entstehen.
Die Aufgabe besteht vielmehr darin, Technologien zu entwickeln, die grundsätzlich auf reale Probleme im Bahn- und öffentlichen Verkehr übertragen werden könnten.
Was KI im Bahnverkehr leisten könnte
Die möglichen Einsatzgebiete sind enorm.
Alstom verweist beispielsweise auf die großen Datenmengen, die im Schienenverkehr entstehen. Entscheidend sei, daraus bessere Entscheidungen für den Betrieb abzuleiten – etwa für Pünktlichkeit, Fahrzeugverfügbarkeit und Energieeffizienz.
Siemens Mobility sieht mögliche KI-Anwendungen unter anderem im Störungsmanagement, bei Zugplanungssystemen und im Revenue Management. Gerade wenn ein Verkehrssystem gestört wird, könnten intelligente Systeme künftig große Mengen an Betriebsdaten wesentlich schneller auswerten und mögliche Handlungsoptionen ermitteln.
Wabtec lenkt den Blick wiederum auf Fragen, die bei der KI-Debatte manchmal weniger Aufmerksamkeit erhalten: Datenschutz, ethische Standards und Energieverbrauch. Das Unternehmen nennt unter anderem datenschutzkonforme Trainingsmethoden und energieeffiziente Komfortsysteme als relevante Themen.
Damit zeigt der Hackathon zugleich, wie unterschiedlich Künstliche Intelligenz im Verkehrsbereich eingesetzt werden kann.
KI muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass irgendwann ein Zug ohne Menschen fährt. Oft geht es um wesentlich unsichtbarere Aufgaben im Hintergrund.
Wenn aus Fahrzeugdaten Entscheidungen werden
Moderne Züge erzeugen während des Betriebs enorme Datenmengen.
Sensoren überwachen beispielsweise Türen, Bremsen, Klimaanlagen, Antriebe und andere technische Komponenten. Hinzu kommen Fahrplandaten, Positionsinformationen, Energieverbrauch, Wartungsdaten und Informationen über den Betriebsablauf.
Die entscheidende Frage lautet: Was macht man mit all diesen Informationen?
Ein KI-System könnte beispielsweise Auffälligkeiten erkennen, bevor daraus eine größere technische Störung entsteht. Es könnte bei Verspätungen unterschiedliche Szenarien vergleichen oder einen Wartungsbedarf prognostizieren.
Ebenso denkbar sind Anwendungen auf der Fahrgastseite – etwa bessere Prognosen zur Auslastung oder intelligentere Fahrgastinformationen bei Störungen.
Genau diese Verbindung zwischen Daten und praktischer Anwendung gehört zu den Kerngedanken hinter „AI on Track“.
Programmieren, wenn die Messe längst geschlossen ist
Für die Teilnehmer gelten während der InnoTrans sogar besondere Regeln.
Während die normalen Fachbesucher das Messegelände am Mittwoch und Donnerstag spätestens um 18 Uhr verlassen mussten, durften die Hackathon-Teams bis 23 Uhr weiterarbeiten.
Dafür wurde eigens eine Ausnahme geschaffen. Nach Angaben der Messe waren die Teilnehmer des Hackathons damit die einzige Besuchergruppe, die an diesen beiden Tagen so lange auf dem Gelände weiterarbeiten durfte.
Das verdeutlicht zugleich, wie intensiv das Format angelegt ist.
Zwischen dem Start am Mittwoch und der Entscheidung am heutigen Freitag bleiben nur wenige Tage, um aus einer Aufgabenstellung eine präsentierbare Lösung zu machen.
Zeit für lange Entwicklungszyklen gibt es nicht.
Mehr als 50 Programmierende aus aller Welt
Ursprünglich hatte die InnoTrans mit rund 60 bis 80 internationalen Teilnehmern geplant. Zum Messestart teilte der Veranstalter mit, dass schließlich mehr als 50 Programmierende aus aller Welt an den konkreten Herausforderungen der Bahnbranche arbeiten.
Dabei geht es nicht ausschließlich ums Programmieren.
Die Teilnehmer erhalten direkten Zugang zu Branchenexperten und Entscheidungsträgern. Außerdem können sie ihre Lösungen vor internationalem Fachpublikum präsentieren und Kontakte zu Unternehmen und möglichen Partnern knüpfen.
Gerade für junge Entwickler und Start-ups kann dieser Zugang fast genauso interessant sein wie das eigentliche Preisgeld.
Schließlich befinden sich während der InnoTrans zahlreiche internationale Hersteller, Verkehrsunternehmen und Entscheider gleichzeitig in Berlin.
Bis zu 5.000 Euro für die besten Lösungen
Am heutigen Freitag kommt es schließlich zur Entscheidung.
Eine Fachjury bewertet die entstandenen Projekte und zeichnet die überzeugendsten Teams aus. Für die Gewinner ist ein Preisgeld von bis zu 5.000 Euro vorgesehen.
Dabei dürfte allerdings nicht allein entscheidend sein, welche Lösung technisch besonders aufwendig ist.
Ein erfolgreicher Hackathon-Prototyp muss vor allem zeigen, dass eine Idee ein reales Problem lösen kann – und dass sich daraus möglicherweise etwas entwickeln lässt, das über die Messetage hinaus Bestand hat.
Welche Projekte die Jury beim ersten „AI on Track“-Hackathon auswählt, soll sich am letzten Tag der InnoTrans entscheiden. Zum Zeitpunkt dieses Beitrags waren die Gewinner noch nicht offiziell bekanntgegeben.
KI ist eines der großen Themen der InnoTrans 2026
Dass die Messe ausgerechnet 2026 erstmals einen KI-Hackathon veranstaltet, kommt nicht von ungefähr.
Künstliche Intelligenz gehört zu den großen Schwerpunkten der diesjährigen InnoTrans. Mit dem AI Mobility Lab in Halle 7.1a hat die Technologie einen eigenen Ausstellungsbereich bekommen. Auch spezielle AI Tours führen während der Messe zu Unternehmen, die konkrete KI-Anwendungen präsentieren.
Auf den Messeständen finden sich KI-Lösungen beispielsweise für Instandhaltung, Fahrzeugdiagnose, Betriebsoptimierung und Infrastruktur.
„AI on Track“ ergänzt diese Ausstellung um einen anderen Ansatz.
Während Unternehmen nebenan zeigen, was ihre Entwicklungsabteilungen bereits fertiggestellt haben, beginnt der Hackathon gewissermaßen ein paar Schritte früher – bei einem Problem und einer zunächst noch leeren Entwicklungsumgebung.
Bahnbranche trifft auf eine andere Arbeitsweise
Genau darin liegt vielleicht der spannendste Aspekt des Formats.
Die Bahnbranche arbeitet traditionell mit sehr langen Entwicklungszyklen. Fahrzeuge werden über Jahre entwickelt und anschließend oftmals mehrere Jahrzehnte eingesetzt. Sicherheitsrelevante Systeme müssen intensiv geprüft, zugelassen und dokumentiert werden.
Ein Hackathon funktioniert beinahe entgegengesetzt.
Schnell ausprobieren. Fehler machen. Ideen verwerfen. Einen anderen Weg versuchen. Innerhalb kürzester Zeit einen Prototyp bauen.
Natürlich kann eine während eines dreitägigen Hackathons entwickelte Software anschließend nicht einfach ungeprüft einen sicherheitskritischen Bahnbetrieb steuern.
Aber darum geht es zunächst auch nicht.
Der Hackathon kann zeigen, welche Ideen funktionieren könnten. Aus einem solchen Prototyp kann anschließend ein reguläres Entwicklungsprojekt entstehen, bei dem Sicherheit, Datenschutz, Zulassung und Praxistauglichkeit ausführlich geprüft werden.
Innovation wird nicht nur ausgestellt
Damit gehört „AI on Track“ zu den interessanteren Neuerungen im Rahmenprogramm der InnoTrans 2026.
Auf einer Messe mit 3.170 Ausstellern aus 59 Ländern werden normalerweise Produkte gezeigt, deren Entwicklung schon lange vor der Veranstaltung begonnen hat. Beim Hackathon kehrt sich dieses Prinzip ein Stück weit um: Die Messe selbst wird zum Entwicklungsort.
Oder wie es die InnoTrans zusammenfasst: Innovationen werden in diesem Fall nicht nur präsentiert – sie entstehen direkt vor Ort.
Ob aus einer der innerhalb dieser drei Tage entwickelten Ideen später tatsächlich eine Technologie entsteht, die im realen Bahnverkehr eingesetzt wird, lässt sich heute noch nicht sagen.
Doch genau dafür sind Formate wie dieses gedacht.
Jemand muss die Idee schließlich zuerst haben.
Und vielleicht beginnt eine davon in diesem Jahr nicht in einem Entwicklungszentrum oder Forschungsinstitut – sondern mitten auf der InnoTrans in Berlin.

Schreibe einen Kommentar
Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.