Schöneiche/Rüdersdorf – Was zunächst wie ein Blick in ferne Zukunftsvisionen klingt, wird nun in Brandenburg Realität: Die Schöneicher-Rüdersdorfer-Straßenbahn GmbH startet mit „Tram2Go“ ein Pilotprojekt, bei dem Fahrgäste erstmals selbst die Steuerung einer Straßenbahn übernehmen sollen.
Auf der traditionsreichen Linie 88 wird damit ein völlig neuer Ansatz im Nahverkehr getestet – mit dem Ziel, den Betrieb langfristig flexibler zu gestalten und gleichzeitig auf den zunehmenden Fachkräftemangel im Fahrdienst zu reagieren.
Straßenbahn der Zukunft – oder doch ein Experiment?
Mit „Tram2Go“ verfolgt die SRS nach eigenen Angaben eine klare Strategie: Fahrgäste sollen künftig nicht mehr nur befördert werden, sondern aktiv am Betrieb teilnehmen.
„Wir wollen die Straßenbahn der Zukunft nicht nur technisch weiterentwickeln, sondern auch konzeptionell neu denken“, erklärt ein Sprecher des Unternehmens. „Tram2Go zeigt, wie Beteiligung und Effizienz zusammengehen können.“
Fahrgäste übernehmen die Steuerung
Im Rahmen des Pilotprojekts wird auf ausgewählten Fahrten bewusst auf klassisches Fahrpersonal verzichtet. Stattdessen übernehmen freiwillige Fahrgäste die Steuerung der Fahrzeuge – unterstützt durch ein digitales Assistenzsystem.
Der Ablauf ist dabei bewusst niedrigschwellig gehalten:
- Anmeldung direkt im Fahrzeug oder per App
- Kurze Einweisung vor Fahrtbeginn
- Übergabe des Fahrschalters
Besonders Interessierte können sich sogar vorab einen sogenannten „Fahr-Slot“ sichern.
Der „Fahrgast-Führerschein“ als Eintrittskarte
Damit das neue Konzept reibungslos funktioniert, führt die SRS einen eigenen Qualifikationsnachweis ein: den „Fahrgast-Führerschein Klasse T (Tram)“.
Dieser wird digital absolviert und umfasst:
- eine kompakte Einführung
- eine einfache Verständnisfrage
- eine Selbsteinschätzung zur eigenen Fahrweise
Nach Angaben des Unternehmens liegt die Erfolgsquote aktuell bei über 98 Prozent.
Unterstützung durch Technik und Mitfahrende
Ein intelligentes Assistenzsystem sorgt dafür, dass der Betrieb innerhalb sicherer Grenzen bleibt. Es übernimmt unter anderem:
- die Einhaltung der zulässigen Geschwindigkeit
- die Erkennung von Haltestellen
- automatische Eingriffe bei auffälligem Fahrverhalten
Zudem können auch andere Fahrgäste Einfluss nehmen: Über eine App stimmen sie über die gewünschte Fahrweise ab – von „ruhig“ bis „zügig“.
Erste Erfahrungen: Zwischen Vorsicht und Ehrgeiz
Die bisherigen Testfahrten zeigen laut SRS ein gemischtes Bild. Während einige Teilnehmende besonders defensiv fahren, entwickeln andere schnell ein ausgeprägtes Gefühl für „optimierte Fahrzeiten“.
In Einzelfällen wurde laut Unternehmensangaben so sanft gebremst, dass Haltestellen „vorsorglich mit angefahren“ wurden.
Ein Testteilnehmer beschreibt seine Erfahrung so:
„Am Anfang ist man vorsichtig – danach verlässt man sich auf die Technik. Und ein bisschen auf die Mitfahrenden.“
Lösung für den Fachkräftemangel?
Neben dem Innovationsgedanken verfolgt die SRS mit dem Projekt auch ein klares praktisches Ziel: den Umgang mit dem Fachkräftemangel.
„Wir sehen darin eine langfristige Ergänzung zum klassischen Fahrdienst“, heißt es aus der Geschäftsführung. „Wenn Fahrgäste aktiv eingebunden werden, entsteht ein völlig neuer Ansatz für den Betrieb.“
Ein Blick nach vorn
Sollte sich „Tram2Go“ im Test bewähren, sind weitere Ausbaustufen denkbar – von erweiterten Beteiligungsfunktionen bis hin zu neuen Konzepten für den Regelbetrieb.
Ob sich dieses Modell tatsächlich durchsetzt, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch: Die SRS sorgt mit diesem Projekt bereits jetzt für Aufmerksamkeit – und zeigt, wie ungewöhnlich die Ideen für den Nahverkehr der Zukunft sein können.
Und falls Sie sich jetzt fragen, wann Ihre erste eigene Fahrt ansteht…
April, April. 🚋

