Schöneiche: Bus statt Tram? Warum das oft die falsche Antwort ist© TramX.de

Schöneiche: Bus statt Tram? Warum das oft die falsche Antwort ist

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Von Alex 6 Min. Lesezeit

Nach mehreren Unfällen bei der Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn ist die Kritik an der SRS berechtigt. Wer daraus allerdings folgert, die Linie 88 müsse durch Busse ersetzt werden, verwechselt zwei völlig verschiedene Fragen. Man kann den Betrieb eines Straßenbahnunternehmens kritisch hinterfragen – und gleichzeitig die Straßenbahn als Verkehrsmittel verteidigen. Genau das ist jetzt notwendig.

Die vergangenen Monate und Jahre haben der SRS nicht nur gute Schlagzeilen beschert. Unfälle, Betriebsstörungen und immer wieder Diskussionen über die Sicherheit werfen Fragen auf. Nach mehreren schweren Ereignissen reicht es nicht, zur Tagesordnung überzugehen oder lediglich darauf hinzuweisen, dass Straßenbahnen grundsätzlich ein sicheres Verkehrsmittel sind.

Die SRS muss sich Kritik gefallen lassen.

Wenn Straßenbahnen auf einer eingleisigen Strecke frontal zusammenstoßen, wenn Fahrzeuge entgleisen oder wenn sich schwere Unfälle innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit häufen, dann müssen Betriebsabläufe, technische Sicherungssysteme und die Infrastruktur sehr genau untersucht werden. Die Öffentlichkeit darf erwarten, dass daraus nachvollziehbare Konsequenzen entstehen.

Auch ein traditionsreiches Verkehrsunternehmen darf sich nicht hinter seiner Geschichte verstecken.

Doch ebenso falsch wäre es, aus Problemen bei einem einzelnen Betriebssystem ein grundsätzliches Problem der Straßenbahn abzuleiten.

Ein Bus löst keine Sicherheitsprobleme automatisch

In Leserkommentaren taucht nach Unfällen immer wieder eine scheinbar einfache Forderung auf: Dann sollen eben Busse fahren.

Nur: Ein Bus ist nicht automatisch sicherer, nur weil er keine Schienen benötigt.

Busse bewegen sich nahezu vollständig im öffentlichen Straßenverkehr. Sie teilen ihren Verkehrsraum mit Autos, Lastwagen, Radfahrern und Fußgängern, stehen im Stau und sind an denselben Kreuzungen unterwegs wie der übrige Verkehr. Auch Busse können in schwere Unfälle verwickelt werden.

Wenn bei der SRS technische oder betriebliche Fehler bestehen sollten, müssen genau diese Fehler beseitigt werden. Das Verkehrsmittel auszutauschen, ohne die tatsächlichen Ursachen zu betrachten, wäre dagegen eine erstaunlich einfache Antwort auf ein komplexes Problem.

Niemand würde ernsthaft fordern, eine viel befahrene Bahnstrecke stillzulegen, weil es dort einen schweren Eisenbahnunfall gegeben hat. Stattdessen würde untersucht, was passiert ist und welche technischen oder organisatorischen Änderungen nötig sind.

Bei einer Straßenbahn sollte derselbe Maßstab gelten.

Straßenbahn und Bus sind nicht austauschbar

Der häufige Satz, man könne „einfach Busse einsetzen“, unterschätzt außerdem, dass Straßenbahn und Bus unterschiedliche Verkehrssysteme sind.

Der Bus ist ein unverzichtbarer Bestandteil des öffentlichen Nahverkehrs. Er ist flexibel, kann neue Wohngebiete vergleichsweise schnell erschließen und eignet sich hervorragend für Linien mit geringerer oder mittlerer Nachfrage.

Aber gerade diese Flexibilität ist nicht in jeder Situation ein Vorteil.

Eine Straßenbahn besitzt eine eigene Infrastruktur. Sie kann auf eigenem oder besonderem Bahnkörper unabhängig vom Autoverkehr fahren, größere Fahrzeuge einsetzen und hohe Fahrgastzahlen mit vergleichsweise wenigen Fahrzeugen transportieren.

Eine gut ausgebaute Straßenbahn ist deshalb keine überdimensionierte Version eines Busses. Sie bildet eine eigene Verkehrsebene.

Wer sie durch Busse ersetzt, muss die gleiche Zahl an Fahrgästen anschließend trotzdem befördern. Je nach eingesetzten Fahrzeugen können dafür mehr Busfahrten nötig sein. Damit steigen unter Umständen Fahrzeugbedarf, Personaleinsatz und die Zahl der Fahrzeuge im Straßenraum.

Hinzu kommt ein ganz praktischer Nachteil: Wo Straßenbahnen über eigene Trassen fahren, müsste ein Ersatzbus vielfach andere Wege nehmen.

Genau das betrifft auch die Linie 88.

Die SRS hat eine Infrastruktur, um die viele Regionen kämpfen

Die Linie 88 verbindet den Berliner S-Bahnhof Friedrichshagen mit Schöneiche und Rüdersdorf. Sie verfügt über Gleise, Haltestellen, elektrische Anlagen, Fahrzeuge, Werkstätten und teilweise eigene beziehungsweise vom übrigen Verkehr getrennte Streckenabschnitte.

Diese Infrastruktur existiert bereits.

Während andere Städte darüber diskutieren, Straßenbahnen neu zu bauen und dafür hohe Investitionen aufzubringen, wäre es schwer zu erklären, warum eine vorhandene Strecke aufgegeben werden sollte, obwohl sie weiterhin eine wichtige Verkehrsaufgabe erfüllt.

Gerade im Berliner Umland ist das von Bedeutung. Die Linie schafft eine direkte Verbindung zwischen brandenburgischen Gemeinden und dem Berliner S-Bahn-Netz. Rund um Berlin wachsen Bevölkerung und Pendlerverkehr seit Jahren. Leistungsfähiger öffentlicher Verkehr wird deshalb eher wichtiger als weniger wichtig.

Eine bestehende elektrische Schienenverbindung durch ein System zu ersetzen, das weit stärker vom normalen Straßenverkehr abhängig wäre, wäre verkehrspolitisch schwer nachvollziehbar.

Die besondere Konstruktion der Linie macht einen Bus-Ersatz noch komplizierter

Die Linie 88 ist zudem kein rein lokales Verkehrsmittel innerhalb einer einzelnen Gemeinde.

Sie verbindet Berlin mit Schöneiche und Rüdersdorf und berührt damit unterschiedliche kommunale und administrative Zuständigkeiten. Auf brandenburgischer Seite sind unter anderem die Landkreise Oder-Spree und Märkisch-Oderland sowie die Gemeinden Schöneiche und Rüdersdorf beteiligt.

Für den Straßenbahnbetrieb existieren dafür bereits vertragliche und finanzielle Strukturen.

Ein dauerhafter Bus-Ersatz würde deshalb nicht lediglich bedeuten, morgens statt einer Straßenbahn einen Bus aus dem Betriebshof zu schicken. Linienwege müssten neu geplant, Haltestellen angepasst, Verkehrsleistungen bestellt, Finanzierungsfragen geklärt und die Verbindung nach Berlin organisatorisch neu abgestimmt werden.

Vor allem aber müsste überhaupt erst gezeigt werden, welchen konkreten Vorteil dieser Systemwechsel bringen soll.

Ein bloßes „Busse haben keine Schienen und können deshalb nicht entgleisen“ reicht dafür nicht.

Kritik an der SRS darf nicht zum Argument gegen die Straßenbahn werden

Gerade Freunde der Straßenbahn sollten es sich nicht zu einfach machen.

Es hilft niemandem, jeden Unfall reflexartig zu relativieren oder Kritik an der SRS als Angriff auf das Verkehrsmittel abzutun. Wer möchte, dass Straßenbahnen gesellschaftlich akzeptiert werden, muss bei Sicherheitsproblemen besonders konsequent sein.

Wenn Sicherungstechnik nicht ausreicht, muss sie verbessert werden.

Wenn Streckenabschnitte technisch veraltet sind, müssen sie modernisiert werden.

Wenn betriebliche Abläufe Schwächen zeigen, müssen sie geändert werden.

Und falls bei einzelnen Ereignissen Fehler im Unternehmen eine Rolle gespielt haben sollten, muss auch darüber offen gesprochen werden.

Die Verteidigung der Straßenbahn darf niemals bedeuten, ein Verkehrsunternehmen von Kritik auszunehmen.

Im Gegenteil: Wer die Linie 88 erhalten möchte, sollte besonders großes Interesse daran haben, dass die SRS ihre Probleme transparent aufarbeitet und daraus sichtbare Konsequenzen zieht.

Eine Straßenbahn muss Vertrauen verdienen

Die eigentliche Gefahr für die Linie 88 sind deshalb vielleicht gar nicht die Stimmen, die nach Bussen rufen.

Gefährlicher wäre es, wenn Fahrgäste den Eindruck gewinnen, dass Sicherheitsfragen nicht ernst genug genommen oder Probleme nur verwaltet werden.

Vertrauen entsteht nicht durch Beschwichtigungen. Es entsteht durch nachvollziehbare Untersuchungen, moderne Technik, zuverlässigen Betrieb und offene Kommunikation.

Hier muss sich auch die SRS messen lassen.

Gerade weil die Linie 88 erhaltenswert ist, darf der Anspruch an ihren Betreiber hoch sein.

Die richtige Konsequenz

Nach den jüngsten Ereignissen sollte niemand so tun, als gäbe es keinen Anlass zur Kritik. Die SRS muss erklären, welche Ursachen hinter den Unfällen stehen, was technisch verbessert wird und welche Lehren für den Betrieb gezogen werden.

Doch die Forderung, deshalb die Straßenbahn abzuschaffen und Busse fahren zu lassen, führt am Problem vorbei.

Nicht die Straßenbahn muss sich nach jedem Unfall grundsätzlich rechtfertigen. Der Betreiber muss zeigen, dass er seine Straßenbahn sicher, zuverlässig und zeitgemäß betreiben kann.

Die Linie 88 besitzt eine wertvolle Infrastruktur, verbindet zwei brandenburgische Gemeinden direkt mit Berlin und erfüllt eine Aufgabe, für die die Straßenbahn grundsätzlich gut geeignet ist.

Diese Strecke durch Busse zu ersetzen, wäre daher keine überzeugende Antwort auf die aktuellen Probleme.

Die überzeugende Antwort wäre eine andere:

Eine bessere SRS auf einer sicheren, modernisierten Linie 88.

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Autor

Alex

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