Klein, traditionsreich und ziemlich einzigartig: Die Naumburger Straßenbahn gehört zu den außergewöhnlichsten Straßenbahnbetrieben Deutschlands. Auf nur knapp drei Kilometern verbindet sie heute den Hauptbahnhof mit der Innenstadt – und blickt dabei auf eine Geschichte von mehr als 130 Jahren zurück.
Begonnen hat alles am 15. September 1892 mit einer Dampfstraßenbahn. Sie sollte vor allem den außerhalb und deutlich unterhalb der Altstadt gelegenen Bahnhof besser mit dem Stadtzentrum verbinden. Schon damals entstand auch der bis heute bekannte Spitzname „Wilde Zicke“. Die engen Kurven und der unruhige Lauf der damaligen Dampflokomotiven sollen an eine etwas bockige Ziege erinnert haben.
1907 begann in Naumburg das elektrische Zeitalter. Sieben Jahre später wurde die Strecke zu einer Ringbahn erweitert, die den Hauptbahnhof und die Stadt miteinander verband. Über Jahrzehnte gehörte die Straßenbahn damit selbstverständlich zum Naumburger Alltag. Nach zahlreichen Krisen, zeitweisen Stilllegungen und einem zunehmenden Verschleiß der Anlagen kam 1991 jedoch zunächst das Aus.
Dass heute wieder Straßenbahnen durch Naumburg fahren, ist vor allem dem Engagement zahlreicher Straßenbahnfreunde und Bürger zu verdanken. 1994 wurde die private Naumburger Straßenbahn GmbH gegründet und Stück für Stück begann der Wiederaufbau. Aus zunächst nur wenigen hundert Metern befahrbarer Strecke entstand wieder eine Verbindung zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt. Seit 2007 fährt die „Wilde Zicke“ erneut täglich im Linienverkehr.
Heute verkehren auf der meterspurigen Strecke vor allem klassische zweiachsige Triebwagen aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Damit ist eine Fahrt durch Naumburg ein Stück lebendige Verkehrsgeschichte – gleichzeitig ist die Bahn aber ein ganz normales öffentliches Verkehrsmittel. Nach Angaben des Betreibers nutzen inzwischen rund 300.000 Fahrgäste pro Jahr die Straßenbahn; an besonders starken Tagen sind es bis zu 1.000.
Und die Geschichte könnte weitergehen: Langfristig gibt es Überlegungen, das Straßenbahnnetz wieder auszubauen und Teile des einstigen Rings in neuer Form zurückzubringen. Damit zeigt Naumburg eindrucksvoll, dass eine Straßenbahn auch in einer vergleichsweise kleinen Stadt ihren Platz haben kann.